Früher war alles besser!
Früher habe ich mich auf Weihnachtsgeschenke gefreut, heute fürchte ich den oft überflüssigen Ballast.
Früher habe ich den ersten Weihnachtsplätzchen entgegen gefiebert, heute erschrecke ich, wenn ich sie Ende August im Supermarkt entdecke.
Früher bin ich gerne über den Weihnachtsmarkt gegangen, heute meide ich die drangvolle Enge vor dem größten Weihnachtsbaum der Welt.
Dennoch bin ich sicher, dass es die Weihnachtsfreude noch gibt und ich habe mir vorgenommen, freudige Momente hier zu sammeln und festzuhalten.
In der letzten Woche war ich zu einem Adventskaffeetrinken eingeladen.
An einem liebevoll dekorierten Tisch saßen sich zum Teil unbekannte Menschen gegenüber, verzehrten vorzüglichen selbstgebackenen Kuchen und sangen Weihnachtslieder miteinander.
Dann gab die Gastgeberin eine Geschichte zum Besten, die ich hier mit ihrer Erlaubnis nacherzählen darf:
Vor einigen Jahren hat sie mit ihrem Mann eine Reise nach Südafrika unternommen. Von Kapstadt aus sollte es mit einem nostalgischen Luxuszug, dem “Pride of Africa”, mehrere Tage durch die Wüste Kalahari gehen. Am Bahnhof von Kapstadt stellte sich heraus, dass keine Buchung auf ihren Namen vorlag und so wurden sie im einzig freien Abteil untergebracht, einer Suite im Luxuswaggon mit ungeheuerem Komfort, oppulentem Blumenschmuck, gekühltem Champagner, ausgefallenen Früchten, Petits-Fours und anderen erlesenen Leckereien, die man zu dem überreichlichen Angebot im Speisewagen hätte verzehren können.
Am Morgen des zweiten Tages wachte sie sehr früh auf. Der Zug verlangsamte seine Geschwindigkeit und sie öffnete das Fenster und schaute auf den grossen Bogen der langen Waggonreihe, in denen alle anderen noch schliefen. Der Zug kam vor einer einsamen Wellblechhütte, die durch einen Zaun von den Gleisen abgetrennt war, zum Stehen. Vor der Hütte stand ein dunkelhäutiges Paar und schaute verwundert auf die ungewaschene Frau im Pyjama.
Nach einem Augenblick des gegenseitigen Bestaunens knieten die Afrikaner nieder und bedeuteten durch eine Geste, dass sie hungrig waren.
Beherzt griff die Frühaufsteherin nach den bisher unangetasteten Delikatessen auf den polierten Mahagonitischen in ihrem Abteil und warf alles über den Zaun bis der Zug sich wieder in Bewegung setzte.
Am Ende ihrer Geschichte hatte nicht nur sie ein Tränchen der Rührung in den Augen.
Ihr Ehemann, der die ganze Geschichte damals verschlafen hatte und für einen Augenblick angenommen hatte, seine Frau sei einer bis dahin unbekannten, gigantischen nächtlichen Esslust anheim gefallen, hat eine ganz besondere Gepflogenheit, die ich sehr liebenswert finde:
Seit mindestens 15 Jahren besitzt er eine Porzellanfigur, die den von ihm sehr verehrten Clown Pic darstellt.
Diese Figur steht an besonders exponierter Stelle in einem liebevoll arrangierten Ambiente, das einmal in der Woche von der Putzfrau abgestaubt wird.
Um seine geliebte Figur vor Schaden zu bewahren, räumt er sie jedes Mal weg, das sind in 15 Jahren ganz schön viele Male, in denen er Pic indirekt die Ehre erwiesen hat.
Als ich die beiden abends verließ, war mir so richtig weihnachtlich ums Herz.
